Das Reihel

Bernhard liebte es, ein ganzes Wochenende lang allein durchs Gebirge zu wandern und in den Schlafsack eingerollt in einer Schutzhütte zu übernachten. Seine Freundin war häuslich und liebte romantische Abende bei Kerzenschein. Sie wollte ihn gerne heiraten. Ihm machte es Angst, sich endgültig festzulegen. Sie wollte möglichst bald Kinder bekommen. Ihn überforderte schon der Gedanke daran. Aber trennen wollten sich beide auf keinen Fall. „Wir sind in der Sackgasse“, stellte er in einem Telefongespräch resigniert fest. Ich wollte das weder so stehen lassen, noch konnte ich hoffen, dass mein bloßes Widersprechen ihm weiterhelfen würde. Was tun? Weiterlesen

Die Fürsorglichen

Herr und Frau Laplace kommen seit mehreren Sitzungen in die Paarberatung. Frau Laplace ist trockene Alkoholikerin. Anlass für die Beratung sind „Rückfälle“ in der letzten Zeit sowie eheliche Konflikte. Sie berichten, Frau Laplace habe einen schweren grippalen Infekt bekommen. Ihr Mann habe sie gedrängt, ein Krankenhaus zu besuchen und sich Medikamente verschreiben zu lassen. Dies lehnte sie wie alle anderen Hilfsangebote ab und zeigte sich über das Bemühen ihres Mannes verärgert. Dieser fühlte sich abgewiesen und war gekränkt.

Meine Frage, ob sie hinter dem Verhalten ihres Mannes eine positive Absicht sehe, bejaht die Frau. Sie habe aber diese Hilfe nicht gebrauchen können. Sie stimmt zu, dass sie nicht seine Zuwendung als solche, sondern nur die konkret angebotene Hilfe habe ablehnen wollen. Ich äußere die Vermutung, Weiterlesen

Geschichten in der Kindertherapie

Gestern hat mich eine Kollegin in einem Forum mit Blick auf Geschichten in der Therapie mit Kindern gefragt: „Wie gehen Sie vor? Die Geschichten werden einfach erzählt, resp. vorgelesen und nicht kommentiert?“ Ich hab das mal so beantwortet:

Wenn die Geschichte gut zur Situation passt, kann sie einfach unkommentiert erzählt oder vorgelesen werden. Die Geschichte sollte analog zum Problem des Kindes strukturiert sein und metaphorisch oder beispielhaft eine erfolgreiche Lösung (Lösungsart, Lösungsstruktur) anbieten. Die Analogie zum Problem und das bereits bestehende Beratungssetting (das Kind weiß: wir sind hier zur Beratung wegen Problem XY) sorgen dafür, dass die Geschichte vom Unbewussten als Lösung identifiziert wird. Darum ist kein Kommentar nötig, der Kontext ist der Kommentar.

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Das Ziel hinterm Ziel

„Wenn ich eine Aufgabe fast zu Ende gebracht habe“, so hat mir am Samstag jemand erzählt, „dann lässt mein Interesse nach, und das letzte bisschen bleibt lange fast-fertig liegen.“

„Ich bin einmal morgens aufgewacht mit einer Magen-Darm-Grippe“, habe ich gesagt. „Mir war schlecht, und wahrscheinlich müsste ich mich irgendwann übergeben. Solange ich im Bett lag, war relative Ruhe. Als ich mich dann entschloss, zur Toilette zu gehen, musste ich laufen, weil es schneller herannahte, und je schneller ich lief, desto schneller kam es. Ich machte einen Wettlauf mit der Übelkeit, und die Übelkeit gewann. Eine Stunde später war es wieder soweit. Um das Debakel vom vorigen Mal zu vermeiden, malte ich mir aus, die Toilette sei zehn Meter hinter ihrem eigentlichen Ort und ging betont langsam. Als ich ankam, hatte ich noch Zeit übrig.

Ein Karatekünstler, der einen Ziegelstein durchschlägt, wird sich vorstellen, der Stein sei hinter dem Ort, wo er ihn sieht; und ein Läufer wird gut daran tun, sein persönliches Ziel hinter der Ziellinie anzusetzen, damit er die Linie mit der größtmöglichen Geschwindigkeit durchläuft.“

Der Archivar

Sucht ihr manchmal nach einem Namen, und er fällt euch nicht ein? Und dann tut ihr irgendetwas anderes und denkt gar nicht mehr daran, und plötzlich – Poff! – habt ihr den Namen! Ohne dass ihr gerade daran dachtet… Ist es nicht seltsam, dass man die Lösung beim Suchen nicht findet, nach dem Suchen aber wohl? Wie kann denn das sein? Es gibt nur eine Antwort… Weiterlesen

Schlafapnoe

Jemand fragte mich nach Schlafapnoe. Ich habe ihm gesagt: So bin ich sie losgeworden…

Dem Stillstand des Atems gingen bei mir schwache Atmer voraus. Diese habe ich mit mir als Signal (Anker) vereinbart für tiefes Atmen. Möglich wäre jedes beliebige andere „erste Anzeichen“. Ich habe mit mir vor dem Einschlafen abgesprochen: Immer wenn der Atem schwach wird, ist das mein Signal, um einmal tief durchzuatmen und danach normal weiter zu atmen. Das hat ab der ersten Nacht funktioniert. Jetzt werde ich manchmal davon wach, dass ich nach einigen schwachen Atemzügen sehr tief atme. Ich lobe mich und schlafe weiter. Weiterlesen

Prüfungsvorbereitung

Hier ist eine Geschichte für Leute, die eine Prüfung vor sich haben.

Um sich auf eine wichtige Examensprüfung vorzubereiten, hatte ein Mensch fünf Monate Zeit. Er wusste, dass die meisten anderen Studenten sich für die selbe Arbeit ein bis anderthalb Jahre vorbereiteten. Ein großer Teil der Studenten fiel dennoch immer wieder durch und musste die Prüfung wiederholen. Wie sollte er diese Arbeit in so kurzer Zeit bewältigen? Weiterlesen

Wie finde ich eine passende Geschichte II

Noch eine E-mail, die mich beschäftigt hat. Letzte Woche hat mir eine Kollegin geschrieben:

Könnten Sie mir vielleicht mit einer Geschichte persönlich auf die Sprünge helfen, meine Scheu zu überwinden, Geschichten in die Therapie mit einzubauen? Als meine Tochter klein war, hat sie mir drei Dinge genannt, aus denen ich dann ad hoc (im Erzählen) Geschichten erfand: langweilige, interessante, lustige, traurige… Als Therapeutin habe ich da irgendwie eine Blockade.

Woran hängt’s? Ich glaube ja, wir erzählen den ganzen Tag Geschichten, langweilige, interessante, lustige, traurige, und wir merken es gar nicht. Weiterlesen

Schuppen

Gestern bat mich jemand: „Hypnotisiere mich doch einmal gegen Schuppen.“ Nach einer kurzen Tranceinduktion erzählte ich ihm die folgende Geschichte:

Ich bin in einer afrikanischen Trommelgruppe. Der Leiter, ein Kongolese, übte mit uns ein Trommelstück ein, das am Ende immer leiser und leiser wird, bis die Musik schließlich ganz verstummt. Am Schluss lag seine Hand regungslos auf der Trommel. Ohne einen Laut hob er sie auf. Wir taten es ihm nach. Bei jedem von uns gab es ein deutlich hörbares Schmatzen vom Schweiß und Fett auf der Handfläche. Immer wieder probierten wir es, Weiterlesen

Sozialgeräusche

Diese Kollegin fragte also, „Gib mir mal eine Geschichte für Leute vom Werksdienst, die genervt sind von Besuchern, die sie beleidigen und beschimpfen, nur weil sie nicht in die gesperrten Bereiche gelassen werden.“ Ich war gerade im Schuhgeschäft, als sie anrief, und ich sagte: „Ich ruf dich gleich zurück…“ Als ich meine Schuhe gekauft hatte, erklärte die Kollegin: „Ich weiß schon, was ich ihnen sage. Ich erzähle ihnen ‚Was man hört‘ (Stefan Hammel, Der Grashalm in der Wüste, S. 29).“ Ich sagte: „Das ist gut. Ich schlage dir noch Folgendes vor. Erzähle den Leuten vom Werksdienst, dass es in der Natur ja vielfältige interessante Geräusche gibt, zum Beispiel das Schnauben von Wasserbüffeln an einem Flussufer, das Grunzen von Warzenschweinen, die an einem Gestrüpp reiben, Weiterlesen